Die Sozialen Medien sind per Definition auf persönliche Peepshow ausgelegt. „Share your life“ ist das Stichwort. Und es tummeln sich neben den üblichen Selbstdarstellern auch allerlei „Normalos“, die ihr Privatleben in die Pseudo-Öffentlichkeit erbrechen. Da kommt nun Twitch.tv – bisher als reine Live-Gaming-Plattform bekannt – mit einem letztendlich konsequenten Format daher:

Social Eating

Nachdem das Fernsehen kübelweise jedes nur erdenkliche Koch-Event ausgeschlachtet hat, die halbe Welt regelmäßig ihren Speiseplan auf Instagram präsentiert und nicht nur die Twitter-Elite über Essbares zwitschert, darf man ab sofort Menschen live beim Schnabulieren zuschauen.
Ja, das fehlte noch. Es wird uns nicht nur beim Kochen der Mund wässrig gemacht, sondern nun sabbern wir während andere uns etwas Vorkauen.

Und ich bin sicher, es wird viel gesabbert. Nun nicht mehr vor allzu offenherzigen Streamerinnen – diese „Formate“ wurden seitens Twitch bereits restriktiert – sondern deren Kauen, Schmatzen und Schlucken. Oh, warte. Ein Schelm, wer die falschen Parallelen zieht.

Wie schon beim allgemeinen Live-Gezocke, wird jedoch beim gemeinsamen Geschmause vor lauter Spreu kein Weizen zu sehen sein. Es wird hier so alles zwischen appetitanregend und kotzreizend geben. Das Format bietet Potential für eine Menge Schmackhaftes, aber leider auch für viel Ungenießbares.

Ich bin gespannt und warte ab, bis sich so mancher den Teller vollgeladen hat, bevor ich ans Buffet trete. Warte auf den frischen Nachschub, wenn andere sich bereits den Magen schmerzhaft prall gegessen…Pardon, die Augen trübe geschaut haben, während andere ihr Essen in die Tastatur kleckern. Wenngleich ich gar nicht sagen kann, ob ich das überhaupt sehen möchte. Es kommt auf das Menü an, das man uns vorsetzen wird.

Ich schwanke zwischen Neugier auf wirklich kreative Art und Weisen dieses Formats und blankem Schauern beim Gedanken an die Abgründe, die sich vor uns auftun werden. Besonders sehnsüchtig warte ich jedoch nicht darauf. Anderen beim Essen zuzuschauen, ist nicht die Unterhaltung, für die ich meine kostbare Freizeit reserviere.
Hoffentlich kommt nicht irgendwann jemand auf die Idee, auch das Ende der Nahrungsmittelkette als geschmackloses Live-Event zu zelebrieren.

Na dann, Mahlzeit!

Bei mir wird es lediglich die Sensationslust sein, die befriedigt werden will. Ich möchte keine Prognosen abgeben, ob und wann das Format seine Sättigung erreichen wird. Die Idee soll ihre Chance bekommen. Schön dabei ist – wie so oft – dass man es sich selbst aussuchen kann, ob man das sehen will.

Im Fernsehen kochen und backen sie weiterhin fleißig, daher wird auch Social Eating sein Publikum finden. Warten wir’s ab.

Ich werde berichten und gehe inzwischen etwas essen. Allein.

Guten Appetit.